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04.02.2000

Multiple Persönlichkeit
gruppe 12 / Johannes Rosenberg

 
     
 

Diese Abhandlung wird Zug um Zug aufgebaut, und als Hypertext hier veröffentlicht.

 

Einführung

Wir werden hier über drei sehr unterschiedliche Seinsformen diskutieren: Die multiple Persönlichkeit im psychologischen Sinne (dissoziative Persönlichkeitsstörung) und die normale Persönlichkeit mit vielen inneren "Aspekten". Diese beiden Seinsformen treten auch gemeinsam auf. Im echten Gegensatz dazu steht der sogenannte "Simpel", ein Mensch der scheinbar nur einen Aspekt besitzt. Dieser hat zwar noch unterschiedliche Seiten, doch ist bei allen Handlungen eines Simpels die Persönlichkeit gut zu erkennen und steht nicht im Widerspruch zu anderen Handlungen und Denkgewohnheiten derselben Person.

Wir gehen zur Zeit davon aus, dass der wesentliche Unterschied im Vorhanden- oder Nicht-Vorhandensein eines zentralen Ichs liegt.

Wir behaupten, dass das Fehlen eines zentralen Ichs nicht automatisch zum "switchen" führen muss. Auch bei Multis werden viele Wechsel in "der zweiten Reihe" vollzogen. Nach außen bleibt das aktuelle Ich im Focus, wird aber von einer anderen Person im Hintergrund beeinflusst, gesteuert. Das kann zu einem Dialog führen, zwischen dem Ich im Ich-Focus und der Inneren Person, aber auch zu einem Dialog zwischen dem Zweitreiher und einer Dritten Person im Außen, dem das Ich im Ich-Focus als Zuhörer folgt.

Wir verstehen unter einem zentralen Ich nicht ein Ich, dass das bestimmende ist, das stärkste, sondern ein alleiniges  Ich. Es gibt keine inneren Kinder oder ähnliches, die mit einem eigenen Ich ausgestattet sind, sondern der Simpel denkt, "so war ich , als ich jung war", er erkennt sich in allen seinen "Aspekten" sofort wieder.

Im Gegensatz dazu wird bei multiple strukturierten das Kind im Inneren als eine eigene Persönlichkeit wahrgenommen. Es werden Ähnlichkeiten zu einem selber aber auch Unterschiede festgestellt. Es werden z. B. auch weibliche Seiten und männliche Seiten festgestellt, die nicht gleichzeitig sein können.

Bei einer Person mit vielen Aspekten behaupten wir also, dass dort mehrere Ichs vorhanden sind und kein zentrales Ich mehr besteht. Die Durchgängigkeit des Zeitstranges und der Person lassen sich auf zwei Weisen erklären:
1. Es gibt eine sehr starke Persönlichkeit, die den Ich-Focus dauerhaft besetzt hält
2. Es wurde eine "Folie" oder "Persönlichkeit" geschaffen, die selber keine "Kontur" besitzt, kein "Ich", sondern als "Trägerpersönlichkeit" fungiert, durch die die inneren Persönlichkeiten durchscheinen.

Vor diesem Hintergrund nun wird deutlich, dass allein die Tatsache, kein zentrales Ich zu haben, nicht mit "krank sein" gleich zu setzten ist. In England gibt es eine Richtung in der Psychologie, die von Teilpersönlichkeiten ausgeht. Der Mensch insgesamt besteht aus mehreren Teilpersönlichkeiten, z. B. Kindern, Erwachsenen, Kriegern und Heilern. Zwar wird diesen Teilpersönlichkeiten kein eigenständiges Ich zugeordnet, sondern sie werden als Teil eines großen Gesamt-Ichs interpretiert, als Aspekte einer Persönlichkeit, aber das zentrale Ich im Gegensatz zum Teil-Ich existiert dort nicht - der Mensch als Summe seiner Teile. Hierzu verweisen wir auf unseren Beitrag bei den Naturwissenschaften, "Die fünfte Dimension". In Anlehnung daran wäre diese Gesamtsumme immer unscharf, ließe sich nicht auf ein Ich bringen, sondern wäre immer nur Ausdruck einer Verhaltenswahrscheinlichkeit. Erst die einzelne Teilpersönlichkeit ist die Realisation einer der Möglichkeiten. Es gibt also kein handlungsfähiges Gesamt-Ich, sondern nur handelnde Teil-Ichs. Die Bildung von Teil-Ichs ist dabei ein therapeutische Ansatz, mit dem die Lösung von Problemen auf dafür geeignete Teilpersönlichkeiten übertragen wird, bzw. einzelne Teilpersönlichkeiten als Verursacher von Problemen lokalisiert werden. Tja, man müsste hier dann wohl von gesunder Dissoziation reden.

So kommen wir zu dem Ergebnis, dass Multiple-Sein im Sinne der dissoziativen Persönlichkeitsstörung nicht die Krankheit selber ist, ja, gar nicht krank sein kann, sondern die Krankheit immer nur in einer Krankheit der einzelnen Persönlichkeiten gesehen werden kann. Dieses Kranksein drückt sich dann unter anderem in gestörten Kommunikationswegen aus.

Daraus folgen wir weiter, dass als Ursache für die Aufgabe eines zentralen Ichs nicht nur traumatische Erfahrungen in Frage kommen, sondern diese Aufgabe möglicherweise ein freiwilliger bewusster Prozess der Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten und Wahrnehmungsmöglichkeiten bildet.

Im Zen-Buddhismus ist die Aufgabe des Ichs ein wesentliches Teilziel, in vielen anderen fernöstlichen Schulen ebenso. Es gibt auch Managerschulen die die Aufgabe des Ichs propagieren.

Wenn wir uns also im folgenden mit dem Multiple-Sein beschäftigen, so haben wir immer zwei Dinge vor Augen:

1. Die Aufgabe des zentralen Ichs führt zu einer neuen, zukunftsweisenden Seinsstruktur des Menschen. Sie reduziert nicht, sondern erweitert und man gewinnt vielfach hinzu von dem, was man aufgibt.
2. Das Leben mit vielen Ichs ist nicht einfach, sondern schwer. Es stellt Herausforderungen an die
Person, die an die Grenze der Vorstellungskraft gehen. In Zukunft könnte eine Disziplin wie "Persönlichkeitsmanagement" zum bedeutsamen Bestandteil unserer Kultur werden.