gruppe12         
 

Home

 

Themenübersicht

 

Redaktion

 

Neue Beiträge

 

Esoterik / Astrologie


 
 

09.01.2000

Kritische Auseinandersetzung
gruppe 12 / Johannes Rosenberg

 
     
 
In folgenden werde ich mich überwiegend auf die Arbeit von Dr. Peter Niehenke, Kritische Astrologie, "Zur erkenntnistheoretischen und empirisch-psychologischen Prüfung ihres Anspruchs", beziehen.
Link zur Homepage von Dr. Peter Niehenke Link zum Buch Kritische Astrologie auf derselben Site
In dieser Dissertation setzt sich der Astrologe Peter Niehenke intensiv mit der Astrologie auseinander. Es ist sicher eines der besten Bücher zu diesem Thema auf dem Markt.

Beachtenswert ist vor allem, dass hier auch Untersuchungen angeführt werden, die der Auffassung der Astrologen widersprechen. Niehenke liefert in seiner Dissertation einige der besten Argumente gegen die Astrologie.

Eines der wichtigsten Themen des Buches ist die Auseinandersetzung mit der Forschungsarbeit von Michel und Francoise Gauquelin. (Auszüge können im Online-Buch, Link siehe oben, nachgelesen werden). Die Gauquelins, Astrologen, haben in einer aufwendig angelegten Forschungsarbeit Planeteneinflüsse nachweisen können.

Die Schlussfolgerungen, die Dr. Peter Niehenke jedoch aus all dem zieht, werden von uns nicht immer geteilt.



Die Kräfte der Sterne und Planeten

Der Astrologie wird regelmäßig vorgeworfen, dass sie Kräfte der Planeten und Sternenbilder behaupten würde, die auf eine so große Entfernung jedoch keinen wirksamen Einfluss auf den menschlichen Organismus ausüben könnten. Bezüglich der Planeten kann dies jedoch nicht so ohne weiteres behauptet werden. Sie sind nicht so weit entfernt, selbst Einwirkungen der Gravitation sind hier noch messbar und solange die Kraft, die den von den Astrologen behaupteten Einfluss bewirkt, noch nicht spezifiziert ist, lässt sich zumindest bei den Planeten auf dieser Basis kein wirksames Gegenargument stricken. Ob es einen Einfluss gibt, muss hier auf empirischem Weg nachgewiesen werden, und wenn dieser bestätigt ist, so ist es Aufgabe der Naturwissenschaft, diese Kraft und ihren Einfluss zu beschreiben.

Bei den Sternbildern sieht das meines Erachtens anders aus. Die Astrologie behauptet, dass der Geburtszeitpunkt und damit die Sternbilder, die dann gerade am Himmel zu sehen waren, einen Einfluss auf den Menschen haben ( die Lehre von den Aszendenten u. a.). Neben der großen Entfernung, den sehr unterschiedlichen Entfernungen der einzelnen Sterne eines Sternbildes spricht vor allem die Streuung der Sterne gegen eine solche Interpretation. Sind bei den Planeten noch erhebliche, auch physikalische Unterschiede der einzelnen Planeten feststellbar, so sind die Sternbilder nichts weiter als Assoziationen auf zufällige Verteilungen von Sternen am Himmel. Die Sterne selber unterscheiden sich außer in Größe und Entfernung nur gering voneinander. Wo sollen da die behaupteten, wesentlichen Differenzierungsmerkmale herkommen. Wenn überhaupt, so kann man die Sternenbilder als Orientierung des Planeten Erde in unserer Milchstraße interpretieren. Hier gibt es strukturelle Unterschiede, allein schon in Bezug auf Zentrum und Rand der Milchstraße. Wenn man sich jedoch klarmacht, dass bisher noch nicht einmal Unterschiede in Bezug auf die Tageszeit der Geburt, also Position der Sonne zu diesem Zeitpunkt, gefunden wurde, so wird unklar, wieso in der astrologischen Praxis ganz selbstverständlich mit Aszendenten und ähnlichem gearbeitet wird.

Dies bedeutet jedoch insgesamt nicht, dass wir behaupten, die relative Ausrichtung der Erde in unserer Galaxis zum Zeitpunkt der Geburt hat keinen Einfluss, sondern wir stellen fest, dass ein solcher Einfluss eher gering bis sehr gering wäre und, in Analogie zur Studie der Gauquelins, sicher nur für eine verschwindende Minderheit von Bedeutung wäre.

Zum Einfluss der Planeten und zur Studie der Gauquelins siehe unten "Einfluss der Planeten".


Die Sternzeichen

Wer kennt sie nicht, die Frage: "Welches Sternzeichen bist Du?" Die Bedeutungen der Sternbilder stellen den populärsten Teil der Astrologie dar und den am heftigsten umstrittenen. Bis jetzt ist es nicht gelungen, die Bedeutung der Sternbilder empirisch nachzuweisen. Das wird auch von Dr. Peter Niehenke in obiger Dissertation festgestellt. Es gab jedoch eine Untersuchung, die bei außergewöhnlich erfolgreichen Männern einen Zusammenhang zwischen Jahreszeit und Geburt suchte und fand, und das entspräche ja auch einem Einfluss des Sternzeichens unter dem man geboren wurde. Es waren signifikant mehr erfolgreiche Männer im Winter als im Hochsommer geboren worden, in Übereinstimmung mit den Aussagen der Astrologie. Diese Untersuchung deutet im Ergebnis auf das gleiche hin, wie die der Gauquelins: Nur bei den Spitzenvertretern einer Gruppe, hier den "Erfolgreichsten", zeigen sich signifikante Einflüsse. Ob das nun die Sternbilder oder die Jahreszeit ist, kann für die Bewohner der Nordhalbkugel dahingestellt bleiben, eine vergleichende Untersuchung zur Südhalbkugel würde aber zur Klärung beitragen, was hier wirkt: Sternkonstellation oder Jahreszeit.

Es stellt sich hier natürlich die Frage, ob die Sternbilder nicht einfach die Unterschiede der Jahreszeiten in den ersten Monaten unseres Lebens wiederspiegeln. Ein solcher Einfluss würde auch unmittelbar einleuchten und würde keine großen argumentativen Schwierigkeiten bereiten. Eigentlich müsste es so sein. Es stellt sich dann jedoch die Frage, warum die uralte Wissenschaft der Astrologie hier keine empirisch nachprüfbaren Merkmale herauskristallisiert hat. Hier liegt ein äußerst merkwürdiger und damit auch bedeutsamer Widerspruch vor. Wenn die Bedeutungen der Sternbilder einfach eine, aus der Beobachtung gewonnene, Ansammlung der typischen Eigenschaften von Menschen in Abhängigkeit vom Sternzeichen bzw. Jahreszeit zur Geburt wäre, so könnten wir heute diese Merkmale mühelos empirisch nachweisen! Da das jedoch misslingt, handelt es sich bei den Typisierungen der Sternzeichen offensichtlich nicht um solche Merkmale.

Nun, die Astrologie ist nicht entstanden als empirisches Instrument für breite Massen der Bevölkerung, sondern war eine Geheimwissenschaft und wurde verwendet für bedeutsame Persönlichkeiten und Ereignisse. Was die Astrologen daraus heute machen, eine Persönlichkeitsanalyse für jedermann aus dem Computer, eine Einzelanalyse mit aufwendigen Horoskopen für unbedeutende Ereignisse oder ganz normale Bürger hat mit Astrologie nicht mehr viel zu tun.

Die Grundannahme dieser Geheimwissenschaft, nämlich die Verwobenheit des Individuums mit dem Kosmos und den kosmischen Ereignissen, trifft doch nur auf besondere Persönlichkeiten zu. Das muss gelebt werden und das ist nicht einfach, nicht jedermanns Sache. Es zeichnet den Geist eines Menschen aus, wenn er in Verbindung steht mit dem Kosmos und seinen Mächten. Wer das geschafft hat, wird überdurchschnittliches oder außergewöhnliches leisten, und weil er eingebunden ist in ein größeres Ganzes vermag seine Position zu diesem Ganzen, die sich auch im Zeitpunkt der Geburt wiederspiegelt, vielleicht etwas über ihn auszusagen.



Die Merkmale der einzelnen Sternzeichen

Die Metaphern der Astrologie, die Bilder und Analogien, die sie verwendet, um Menschen und menschliches Verhalten zu beschreiben sind die Ursache ihrer Popularität. Wie Niehenke schön anführt, führen Tests, in denen Versuchskandidaten aufgefordert werden, sich mit bestimmten Beschreibungen von menschlichem Verhalten zu identifizieren, regelmäßig zu dem Ergebnis, dass die Bilder der Astrologen gerne zur Selbstidentifikation verwendet werden, im Gegensatz zu Persönlichkeitsprofilen mit psychologischem Hintergrund. Leider spielt dabei jedoch die Zusammensetzung der einzelnen Merkmale eines Sternzeichens keine Rolle, ein wilder Mix aus 5 Sternzeichen wird genauso gerne genommen, wie das "passende Sternzeichen". Dieser Umstand relativiert vor allem die Aussagen der Astrologen, dass die Reaktion ihrer Klienten, die Zustimmung zu den geäußerten Eigenschaften, ein sicheres Zeichen für die Richtigkeit der astrologischen Lehre darstellt.

Die Metaphern sind offensichtlich so gefühlvoll entwickelt worden, dass man eher bereit ist, sie anzunehmen, selbst wenn darin durchaus ungünstige Verhaltensmerkmale enthalten sind. Ich würde nun gerne argumentieren, dass die Persönlichkeitsprofile der Psychologie eben gerade deshalb abgelehnt würden, weil sie der Wahrheit über den Menschen näher kämen, was einer Neigung zu Selbstbetrug und Verdrängung entspräche. Diese wird ja auch von der Psychologie so behauptet. Angesichts der Erfolgsquoten der Psychotherapie, kleiner 25%, und damit sogar niedriger als ein zu erwartender Placeboeffekt, scheint mir hier jedoch große Skepsis angebrachter.

Das Argument der besonderen Persönlichkeiten, der kosmischen Verbundenheit als Voraussetzung für astrologische Deutungen, läuft leider hier ins Leere, die Gauquelins haben trotz intensiver Bemühungen auch bei den Spitzenvertretern keine Übereinstimmung gefunden. Es mag noch bleiben, dass für die Sternbilddeutung vielleicht eine bewusstere Einstellung zum Kosmos notwendig wäre, aber das ist ein schwaches Argument. Es bleibt die Jahreszeitabhängigkeit für das Merkmal "außergewöhnlich erfolgreich".

Das könnte eigentlich der Todesstoß für die Lehre der Astrologie sein, aber in ihrer größten Schwäche liegt auch ihre größte Stärke. Mögen die Sternbilder und die Profile, die sich daraus ergeben, schlicht und ergreifend Unsinn sein, so sind die einzelnen Merkmale der Sternbilder offensichtlich hervorragende Interpretationsfolien für die Beschreibung menschlichen Verhaltens. Mit ihnen kann man beim Klienten Stärken und Schwächen beschreiben ohne die betreffende Person zu verletzten. Vergleicht man das mit Begriffen wie "Minderwertigkeitskomplex", "mangelndes Selbstbewusstsein" usw. , so wird deutlich, wie viel näher die Astrologie am Menschen orientiert ist und damit an der Realität. Aus dieser Perspektive ergeben sich starke Argumente für Transzendenten, Aszendenten und was auch immer; denn dadurch steht dem Astrologen ein größeres Repertoire zur Beschreibung zur Verfügung, so dass im Endeffekt aus der unsinnigen Sternbilddeutung ,in den Händen eines empathisch veranlagten Astrologen, ein ausgezeichnetes Mittel zur Persönlichkeitsentwicklung und Reifung zur Verfügung steht.

Die Qualität der Astrologie liegt in den Bildern, mit denen sie arbeitet und in der Persönlichkeit des Astrologen. Massenhoroskope, Computeranalysen und der naive Umgang mit den Sternbildzuordnungen sind ihre größte Schwäche.



Der Einfluss der Planeten

Michel und Francoise Gauquelin ist es gelungen, zu beweisen, dass die Planeten Mond (astronomisch natürlich kein Planet), Venus, Mars, Jupiter und Saturn auf den Menschen genau den Einfluss haben, den die astrologische Lehre schon immer behauptet hat!

Zwar sind hier einige Einschränkungen zu berücksichtigen, aber das Grundsätzliche bleibt: Die Lehre vom Einfluss der Planeten ist zutreffend, dies lässt sich empirisch nachweisen. All die Kritiker, die die Astrologie als Humbug, Aberglaube oder ähnliches abgetan haben, sollten sich diese Forschungsarbeit ansehen, ihr Haupt verneigen und ihren Irrtum eingestehen.

Die Ergebnisse der Gauquelins könnten die Sternstunde der Astrologie bedeuten, tatsächlich jedoch entlarven sie die Schwäche dieser Lehre und vor allem die Schwäche derer, die professionell damit umgehen.

Die Ergebnisse der Forschungsarbeit beweisen, dass diese Wirkung der Planeten nur bei den Spitzenvertretern einer Gruppe auffindbar sind. Nur hier gibt es einen Zusammenhang zwischen Kosmos und Individuum. Die Astrologie hat ihre Legitimation erhalten, aber nicht die Massenastrologie, sondern die Lehre für die außergewöhnlichen unter den Menschen.

Nun, natürlich lässt sich hier auch wie oben mit der Praktikabilität der Bilder argumentieren, es entsteht also bestimmt kein Schaden aber vielleicht ein Nutzen. Das reicht zur Legitimation aus. Aber die Arbeit der Gauquelins sollte dann besser nicht zitiert werden.

Leider haben die Forschungsergebnisse noch einen Haken:
Zwar ist der Einfluss der Planeten bewiesen, in Übereinstimmung mit den, den Planeten zugeschriebenen, typischen Eigenschaften, aber der Zeitpunkt bzw. die Position der Planeten widerspricht der derzeitigen Lehre. Es geht um knapp 3 Stunden und eine Umkehrung der Wirkung. Nach den Ergebnissen der Gauquelins wirken die Planeten nach dem Aufgang über den Horizont, bzw. nach Erreichen des oberen Kulminationspunktes, die Lehre behauptet die größte Wirkung kurz vor dem Aufgang bzw. Erreichen des oberen Kulminationspunktes. Es ist gut vorstellbar, dass in einer Zeit des Niedergangs die Lehre der Astrologie verfremdet wurde und die ursprüngliche Lehre in Übereinstimmung mit den Forschungsergebnissen stand. Nun, das ist auch jetzt nicht so wichtig. Der Irrtum ist erkannt, oder sollte er zumindest. Aber nichts davon zu erkennen in Dr. Peter Niehenkes Dissertation. Da heißt es lakonisch, das müsste noch geprüft werden.

Das nenne ich die Schwäche des Astrologen. Sowohl in der ambitionierteren Astrologie als auch in der Lehre sollten die Arbeiten der Gauquelins den Stellenwert erhalten, der ihnen zusteht: Die Erneuerung der Astrologie auf empirisch gesichertem Fundament. Statt dessen wird lamentiert und so weiter gemacht wie bisher. Nun, es mag schwer sein, hier seine Arbeitsweisen zu ändern, so wie bei allen anderen Wissenschaften die Übernahme neuer Erkenntnisse auf erheblichen Widerstand stößt, aber, warum ein Astrologe wie Niehenke dazu nicht in der Lage ist, das bereitet mir Verständnisprobleme.



Schlussfolgerungen

Es gibt zwei Legitimationen für die Ausübung der Astrologie:
1. Die hohe Qualität der verwendeten Beschreibungen für menschliches Verhalten.
2. Der empirische Beweis der Planeteneinflüsse für außergewöhnliche Menschen.

Der Gang zum Astrologen kann durchaus sinnvoll sein, die Qualität hängt, wie eigentlich überall, von den Fähigkeiten des Beraters ab. Aber wäre hier nicht eine Weiter- bzw. Wegentwicklung von der herkömmlichen astrologischen Praxis, der Arbeit mit aufwendig erstellten Horoskopen, hin zu einer ehrlicheren Persönlichkeitsberatungspraxis der Weg der Wahl?

Der "Hofastrologe", als Berater außergewöhnlicher Menschen, bleibt die Domäne der reinen Astrologie, aber kann hier noch reinen Gewissens mit den falschen Planetenpositionen gearbeitet werden?

Die Massenastrologie, der naive Umgang mit Sternbildern - würden die Astrologen nicht erheblich an Glaubwürdigkeit gewinnen, wenn sie sich hier noch energischer von diesem Treiben distanzieren würden?

Zweifellos, die Zukunft der Astrologie war nie gefährdet und wird es auch in Zukunft nicht sein. Aber es wäre an der Zeit, die nötigen Fehlerkorrekturen vorzunehmen, im Interesse der Glaubwürdigkeit, im Interesse einer ehrlich betriebenen Persönlichkeitsberatung und damit letztlich im Interesse der Klienten und der Astrologen.

Der Preis mögen Verluste sein, vor allem im Bereich der kommerzieller betriebenen Astrologie, auch ein vorübergehender Verlust der Glaubwürdigkeit bei den ambitionierten Astrologen ist vorstellbar, aber auf Dauer würde die Wahrheit gewinnen und damit die Astrologie.