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aktuelle
Wissenschaft Chronologiekritik |
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Die Chronologiekritik, das Kind mit dem Bade
ausgeschüttet!
Erst vor kurzem erschien ein Artikel des Chronologiekritikers Eugen Gabowitsch in der Zeitschrift Zeitgeist. Die Chronologiekritik beschäftigt sich damit zu prüfen, ob die Chronologie wie sie von der herrschenden Lehre wiedergegeben wird, den tatsächlichen Gegebenheiten zu jener Zeit entspricht. Sie stellt eine wichtige und durchaus berechtigte Kritik an der herrschenden Geschichtsschreibung. Fraglich ist jedoch, ob die Chronologiekritik nicht weit übers Ziel hinaus schießt. Gabowitsch hat zur Verbreitung und Diskussion seiner Ideen den Karlsruher Geschichtssalon gegründet und die Internetsite www.jesus1053.com online gestellt. Alles Abgeschrieben? Gabowitsch und seine Mitstreiter (siehe www.jesus1053.com) behaupten, dass die gesamte Geschichte vor ungefähr dem 14. Jahrhundert auf Erfindung und Abschreiben basiert. Diese Behauptungen werden mit den Untersuchungsergebnissen von Prof. Dr. Anatolij Fomenko gestützt. Fomenko hat in einer aufwändigen Recherche die Geschichte vieler Jahrhunderte miteinander verglichen und ist dabei zu dem Ergebnis gekommen, dass viele Herrscherlinien sowohl in Europa als auch anderswo von den Herrscherlinien der Habsburger abgeschrieben wurden. Er benutzte für die Vergleiche möglichst alte Quellen. Dabei teilte er die Herrscherlinien in möglichst viele Teilabschnitte ein, entsprechend den ursprünglichen Informationen, und ließ nun durch Computer mögliche Übereinstimmungen suchen. Die Grundannahme von Fomenko ist offensichtlich, nämlich dass die Zeitabstände verschiedener Herrscherlinien zufällig gestreut sein müssen. Die Ergebnisse der Computervergleiche ergaben jedoch überzufällig häufige Übereinstimmungen. Diese Übereinstimmungen sind für die Chronologiekritiker wichtige Hinweise darauf, dass diese Herrscherlinien durch Abschreiben entstanden sind. Wir wollen nun im folgenden diese Übereinstimmungen prüfen. Grundsätzlich sei jedoch vorangestellt, dass Entwicklungen menschlicher Gesellschaften durchaus gewissen Mustern folgen, und es von daher zu erwarten ist, dass Herrscherlinien verschiedener Häuser überzufällig häufige Übereinstimmungen aufweisen. Im Artikel im ZeitGeist veröffentlicht Gabowitsch zwei Grafiken, die den Büchern von Fomenko entnommen sind. Die erste vergleicht die Linie der Habsburger mit der Linie der Herrscher des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und ist hier nachgebildet. Die dargestellte Figur ist ausgesprochen symmetrisch und scheint augenfällig die Theorie Fomenkos zu belegen.
Die einfache Überprüfung der Grafik offenbart jedoch erhebliche
Mängel. Es zeigt sich, dass die von Fomenko verwendeten Daten in
sich nicht schlüssig sind, was angesichts der Bedeutung, die
Fomenko selber seiner Arbeit einräumt, ein großer Fehler ist. Heilig. Römisches Reich 1. Zusammenfassung von Otto I und Otto II. Es waren definitiv zwei Herrscher, es gibt außer um der besseren Darstellung willen keinen Grund für diese Zusammenfassung. 2. Herrscherlose Zeit von 1024 bis 1027 wäre als solche einzutragen 3. Konrad II von 1027 bis 1039 sind richtigerweise 12 Jahre, aber auf Grund der Überschneidung mit Heinrich II von 1028 bis 1056 hätte Heinrich II auf eine Zeit von 1039 bis 1056 gekürzt werden müssen. 4. dito, Überschneidung Heinrich III und Heinrich IV um drei Jahre 5. dito, Überschneidung Heinrich IV und Heinrich V um 8 Jahre 6. herrscherlose Zeit von 1125 bis 1152 7. herrscherlose Zeit 1208 bis 1211 8. ein sehr kapitaler Fehler: Friedrich 1211 bis 1250, dann Wilhelm 1250 bis 1256 und danach! Konrad IV, 1237 bis 1254 Habsburger: 1. kapitaler Fehler, Rudolf und Adolf von Nassau vertauscht 2. herrscherlose Zeit von 1291 bis 1314 = 23 Jahre 3. Zusammenfassung von Heinrich VII und Ludwig IV, es gibt außer um der besseren Darstellung willen keinen Grund für diese Zusammenfassung 4. herscherlose Zeit 1438 bis 1440 Würden diese Fehler korrigiert, so wäre die auf den ersten Blick offensichtliche Symmetrie nicht mehr zu erkennen. Es erscheint offensichtlich, dass hier Daten um der besseren, sprich plakativeren Darstellung willen, falsch eingetragen wurden. Hier sind die Daten der Habsburger und der Herrscher des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation nach aktuellen Wissenstand (Quelle: Wikipedia.de) eingetragen. Der Leser möge selber entscheiden, ob diese Linien genug Übereinstimmungen aufweisen, um die Vermutung des Abschreibens zu rechfertigen.
Die zweite Grafik im ZeitGeist zeigt einen Vergleich der Habsburger mit den Herrschern Judäas. Auffällig ist, wie sehr die Habsburger Daten von den Daten der ersten Grafik abweichen. Das ganze wirkt ausgesprochen willkürlich, zumindest aber sind bei der Aufbereitung der Daten so viele Möglichkeiten der Aufteilung generiert worden, dass Übereinstimmungen zwangsläufig entstehen müssen. Auf eine genauere Überprüfung und Darstellung wird hier verzichtet. Katastrophentheorie Aus diesen Daten wird jedenfalls von Gabowitsch und anderen geschlossen, dass die Geschichte mit Beginn der Buchdruckkunst vollständig neu erfunden wurde, und so 1000 Jahre und mehr, die nie existiert haben, erzeugt wurden. Als Grund für diese Erfindung führen Gabowitsch und andere, gestützt auf den Begründer der Katastrophentheorie Immanuel Velikovsky, an, dass ca. im 14. Jahrhundert eine gewaltige Katastrophe die Menschheit erschüttert hätte und aus diesem Ereignis heraus, dass dem Wirken eines Gottes zugeschrieben wurde, die unrühmliche Vergangenheit vollständig verdrängt werden sollte. Dies ist auf den ersten Blick eine sehr abenteuerliche Theorie, aber es werden Argumente aufgeführt, die auf eine solche Katastrophe zu Beginn des 14. Jahrhunderts hinweisen. Neben anderen Belegen aus Europa wird die große Mandränke von 1362 angeführt und auf die Tatsache, das der Weinanbau in Skandinavien eingestellt wurde, hingewiesen. Die Ursache für diese Katastrophenflut ist ungeklärt, es könnte ein Meteor gewesen sein, der in die Nordsee fiel, und so eine große Flutwelle erzeugt hat oder das Eingreifen von Außerirdischen. Nicht nur, dass diese Theorie geradezu an den "Haaren herbeigezogen" ist, sondern dass diese von Historikern verbreitet wird, zeigt mehr als deutlich, wie sehr hier die Vergangenheit an die eigenen Wünsche angepasst wird. Zu den Tatsachen: Ungefähr im 10 Jahrhundert nach Christus endete eine kleinere Kaltzeit (300 Jahre) und ging über in eine Warmzeit, die ihren Höhepunkt zu Beginn des 13 Jahrhunderts erreichte. Aufzeichnungen berichten von der Besiedlung Grönlands ca. 950, dem Ende der Besiedlung um 1350, nach Einsetzen der Abkühlung. Während der Warmzeit kam es auch zum Weinanbau in Skandinavien, der natürlich mit der folgenden Abkühlung wieder eingestellt wurde. Die Temperaturen waren damals um einiges höher als heute. Das Klima kühlte sich wieder ab und erreichte seinen Tiefstpunkt in der sogenannten kleinen Eiszeit im 17. Jahrhundert. Seitdem steigt die Temperatur wieder. Die große Mandränke im Jahr 1362 kostete sehr vielen Menschen das Leben, was jedoch nicht an der Höhe der Sturmflut allein lag, denn eine solche war es, sondern zum ersten am Torfabbau, der an der Nordseeküste teilweise sehr intensiv betrieben wurde und so zu einer Absenkung des Binnenlandes führte, zum zweiten an den noch niedrigen Sommerdeichen mit nur 1.50 M über NN und zum dritten an den Sedimentstrukturen, die Prielbildungen förderten, die bis tief ins Land eindrangen. Die Flut dauerte insgesamt 3 Tage und hatte ihren Höchststand am 2 Tag. Der Pegelstand der 1. großen Mandränke lag nach Überlieferungen bei ca. 3.90 m über null (4 Ellen über die höchsten Deiche). Die Pegelstände der folgenden Sturmfluten nahmen weiter zu, bis zu 4.63 m bei der 2. großen Mandränke 1634. Die Ursache für die Sturmfluten sind im Klimawandel zu sehen, der sowohl zu einer Erhöhung des Meeresspiegels führte als auch zu heftigeren Stürmen. Die Chroniken sprechen deutlich von einer Sturmflut und nicht von einer Flutwelle. Auch zeigen die Chroniken deutlich, dass diese Sturmfluten als das genommen wurden, was sie waren, und sogar mit dem Torfabbau munter weitergemacht wurde. Es überrascht, dass Historiker eine Katastrophentheorie aufbauen oder verbreiten, die eindeutig den Quellen der Historiker, den Chroniken und Überlieferungen widerspricht. Im Gegenteil, die Chroniken belegen das Fehlen einer solchen Katastrophe. Die katastrophale Stimmung im 17.-18. Jh. ist auf die Abkühlung zurückzuführen, die das Leben sehr erschwerte. Aber dabei handelte es sich nicht um eine schlagartige Katastrophe, sondern um eine länger dauernde Entwicklung. Es scheint, als wäre der Höhepunkt der Katastrophenerwartung erst Ende des 20. Jahrhunderts erreicht, mit dem Ankündigungen des Weltendes für fast jedes Jahr seit 1999. So geben diese Theorien weniger den Geist der Zeit, über den sie berichten, als mehr den Geist der Zeit wieder, in denen sie entstanden oder verbreitet werden. Fazit Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass kritische Chronologie einen wichtigen Beitrag zur Geschichtsforschung leisten kann, dass jedoch die Anschauungen der Chronologiekritiker um Gabowitsch weit davon entfernt, konstruktive Einflüsse auf die Chronologiewissenschaft ausüben zu können. Solange sie dem Zeitgeist folgend von einer geistigen Katastrophe zur nächsten schlittern, sie sind eher damit beschäftigt, unkritische Geister in fatale Verschwörungstheorien zu verwickeln als kritisches Bewusstsein zu entwickeln. Quellen: http://www.egbeck.de/treibhaus/treibh.htm http://www.uni-kiel.de/ftzwest/ag5/AG5_Expo_TRUTZ.htm ZeitGeist Heft 1 / 2004
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